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Freitag,
18. Dezember 2020

Projekt-Respekt Plus- in Leinefelde: Suchtkranke nicht verurteilen

Freitag, 18. Dezember 2020
Nachfolgend ein Artikel aus der "Thüringer Allgemeine" vom 15.12.2020 für Sie zum Nachlesen:

Leinefelde. Praxisorientierte Maßnahme für junge Menschen mit Suchtproblemen soll in Leinefelde auch in Zukunft stattfinden. Christine Bose

Projektleiterin Christine Vaterrodt vom BFZ Leinef
Projektleiterin Christine Vaterrodt begrüßte Frank Eckardt aus Leinefelde zu einer ungewöhnlichen Unterrichtsstunde.
Foto: Christine Bose

Alkoholiker, das sind diese asozialen Penner, die auf Parkbänken rumhängen, den ganzen Tag saufen und nachts unter Brücken schlafen. Frank Eckardt aus Leinefelde kennt diese weit verbreitete Meinung. Der Zweiundsechzigjährige ist jedoch ein Beispiel dafür, dass eine Suchterkrankung, auch die Alkoholsucht, Menschen aus allen Schichten unserer Gesellschaft treffen kann, die in keiner Weise diesem Klischee entsprechen.
Zu einer Biographie gehören Abitur und ein fünfjähriges Hochschulstudium mit erfolgreichem Abschluss. Aber irgendwie waren im Laufe der Jahre aus einem Bierchen, einem Schnäpschen immer mehr geworden.

Aus „morgen“ ist Schluss wurde „in einer Woche“
Nein, er hat sich nie in Kneipen sinnlos besoffen, hat immer zu Hause getrunken. Am Ende bestand sein Leben nur noch aus dem Teufelskreis, der da nach seinen eigenen Worten hieß: „Arbeiten gehen, am Arbeitsplatz funktionieren, nach Feierabend zur Schnapsflaschen greifen, schlafen.“ Der gute Vorsatz, morgen aufzuhören, zog sich hin. Aus dem Vorhaben „morgen“ wurde „in einer Woche“, „oder doch vielleicht erst in einem Monat“. Als er wegen einer starken Erkältung in die Arztpraxis ging, verriet ihn das Zittern seiner Hände. Die Ärztin erkannte sofort, dass da mehr war als nur Husten und Schnupfen, schickte ihn zur Suchtberatung der Caritas in Leinefelde, dann folgte eine stationäre Therapie in einer Suchtklinik.

Mit dem festen Entschluss, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, anderen Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen, sich selbst nicht zu verstecken, kam Frank zurück in die Leinestadt. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Sylva Rott gründete er die Kreuzbundgruppe für das Eichsfeld. Sie gehört zum Kreuzbund im Diözesanverband Erfurt, Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchterkrankte und Angehörige. Zudem arbeitet er als einer der beiden ehrenamtlichen Geschäftsführer im Vorstand. Inzwischen ist die Wende in seinem Leben fünfzehn Jahre her. Vor wenigen Tagen – er hatte hierfür Urlaub eingereicht – berichtete er in einer kleinen Runde über seine Vergangenheit, die Gegenwart, beantwortete Fragen. Treffend formuliert er: „Ich hatte kein Problem mit dem Alkohol. Ich hatte Probleme ohne.“

Seine Bitte an die Gesprächspartner: Andere Menschen, Suchtkranke, nicht einfach nur leichtfertig zu verurteilen. Die Frauen und Männer nehmen am Projekt „Respekt plus“ teil, einer praxisorientierten Maßnahme für junge Menschen zwischen Fünfzehn und Siebenundzwanzig, die, so steht im Flyer zu lesen „aufgrund ihrer individuellen Situation Schwierigkeiten in den unterschiedlichsten Bereichen haben“.
Träger des Projektes ist das von Dorothea Marx geleitete Internationale Bildungs- und Sozialwerk in Leinefelde. Projektleiterin Christine Vaterrodt und Sozialpädagogin Diana Wagner hatten sich für ein solche Gesprächsrunde entschieden, wollten zum Thema „Sucht“ niemanden einladen, der allein aus theoretischer Sicht eine Rede über gesundheitliche Schäden hält. Für die ungewöhnliche Form des Unterrichts galt keine Zeitvorgabe. Alle sollten zuhören können, Fragen stellen, ihre Meinung äußern. Ob das 45 Minuten dauern würde oder länger, wusste vorher niemand.

Als die jungen Leute sich nach gefühlt einer Stunde verabschiedeten, waren zweieinhalb Stunden vergangen. Von Frank Eckhardt hatten sie auch das gehört: „Es ist und bleibt meine eigene Entscheidung, ob ich aufhören will. Aber das geht nicht ohne Hilfe.“ Spontan wandte sich Christine Vaterrodt an ihn. Es soll keine einmalige Aktion gewesen sein. Im neuen Jahr möge er wiederkommen, zu anderen Teilnehmern sprechen. Franks Zusage und Reaktion lautete: „Alle werde ich nie erreichen können, aber wenn ich nur einen einzigen Menschen erreiche, ist das gut.“
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