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Freitag,
28. Oktober 2011

Die Bedeutung des Wohnens in der Eingliederungshilfe

Freitag, 28. Oktober 2011
Nachfolgend ein Artikel von Frau Katja Dallmann (Leiterin des Wohn – und Therapiezentrum für autistische Menschen "Haus Waldschlösschen") für die Zeitschrift des Bundesverbandes "autsimus Deutschland e.V.", Ausgabe Okt-Nr. 72/11 für Sie zum Nachlesen oder als Download:

Zeitschrift des Bundesverbandes Autismus Deutschla



Die Bedeutung des Wohnens in der Eingliederungshilfe:
Stationäres Wohnen im Spannungsfeld der Inklusion


Wer nicht die Geduld hat, so lange zu warten, bis die Zeit für eine Sache reif ist, der braucht zu ihrer Verwirklichung ein Vielfaches an Zeit und Energie. Wenn er nicht überhaupt scheitert. (Winston Churchill)

Inklusion, der Begriff der in der sozialen Landschaft unseres Landes in aller Munde ist. Das Wort Inklusion kommt aus dem Lateinischen (inclusio – Einschluss) und bedeutet Einbeziehung, eingeschlossen sein und unbedingte Zugehörigkeit. Dazu zu gehören definiert es für mich am schönsten.
Inklusion geht von einer vielfältigen Gesellschaft aus. Menschen unterscheiden sich voneinander - zum Beispiel in Herkunft, Aussehen, körperlicher Verfassung, Geschlecht oder Interessen. Inklusion strebt eine Gesellschaft an, in der diese verschiedenen Menschen als gleichberechtigt miteinander leben können. Niemand wird ausgeschlossen. Es gibt keine Ausgrenzung. Menschen mit Behinderung werden von Anfang an wahrgenommen, anerkannt und selbstverständlich angenommen. Lebensräume, wie Schulen, Vereine, öffentliche Einrichtungen, Stadtzentren, Wohngebiete werden so umgestaltet, dass alle Menschen teilhaben können. Inklusion bedeutet aber auch das Dazuzugehören in ideeller Weise, in den Köpfen der Menschen und hier am allerwichtigsten und beginnend. Es geht nicht mehr nur um die Rampe am Bordstein, es geht vielmehr um den natürlichen Umgang mit allen Facetten die unser menschliches Leben bietet. Es geht um das Wissen das zukünftig ausschließlich das individuelle Bedürfnis des Einzelnen zählen soll, sein ganz persönlicher Unterstützungsbedarf.

Gern möchte ich Sie nun kurz in eine kleine Geschichte entführen:
Auf einem hohen Berg wo der Wind pfiff lebte ganz allein und ohne einen einzigen Freund „Irgendwie Anders“. Er wusste, dass er irgendwie anders war, denn alle fanden das. Wenn er sich zu ihnen setzen wollte oder mit ihnen spazieren gehen wollte, dann sagten sie immer: Tut uns Leid, du bist nicht wie wir. Du bist irgendwie anders. Du gehörst nicht zu dazu.“
Irgendwie anders tat aber alles, um wie die anderen zu sein.
Er lächelte wie sie und sagte „hallo“. Er malte Bilder. Er spielte, was sie spielten (wenn er durfte). Er brachte sein Mittagessen auch in einer Papiertüte mit.
Aber es half alles nichts.
Er sah nicht so aus wie die anderen und er sprach nicht wie sie. Er malte nicht so wie sie. Und er spielte nicht so wie sie. Und was er für komische Sachen aß!
„Du gehörst nicht hierher“ sagten alle. Du bist nicht wir, du bist irgendwie anders!“
Nach ein paar Jahren des Alleinseins packte Irgendwie anders seinen Koffer und zog in das Haus Waldschlösschen. Auch hier lebt er auf einem hohem Berg, wo manchmal der Wind pfeift, aber hier hatte Irgendwie Anders viele Freunde gefunden, die so sind wie er – auch alle irgendwie anders. Er isst mit ihnen und malt mit ihnen zusammen Bilder, und manchmal spielt er auch mit ihnen – nur eben irgendwie anders.
Oft geht irgendwie anders mit seinen Freunden in die Stadt zum Einkaufen oder um ein Eis zu essen. Dann starren die Menschen Irgendwie Anders und seine Freunde ganz oft an und manchmal gehen sie ganz schnell auf die andere Straßenseite um ihnen nicht zu nah zu kommen. Einmal wollten Irgendwie Anders und seine Freunde ins Kino gehen. Er wollte sich eine Eintrittskarte kaufen und Popcorn, das machen alle anderen auch so im Kino. Doch Irgendwie anders und seine Freunde bekamen keine Eintrittskarte und auch kein Popcorn. Er legte sein Geld auf den Tisch und lächelte noch einmal besonders freundlich, aber er bekam keine Karte. Der Kinobesitzer sagte beim letzten Kinobesuch hätten Irgendwie Anders und sein Freunde so merkwürdig gelacht und so merkwürdig geredet, dabei war der Film gar nicht lustig. Und sie hätten auch noch zu viel Popcorn verkrümelt.

Und so gingen Irgendwie anders und seine Freunde wieder auf ihren Berg ins Waldschlösschen.
Vor ein paar Monaten nun, kam der Bürgermeister der kleinen Stadt ganz aufgeregt zu Irgendwie Anders und seinen Freunden auf den Berg. Er war sehr sehr aufgeregt und erzählte ihnen, dass sie nun alle auch in der Stadt wohnen dürfen, ins Kino gehen dürfen wenn sie möchten und sogar in die Schule. Und wenn sie wollen, können sie in dem Geschäft in der Stadt oder in der Gärtnerei arbeiten gehen. Der große Chef vom Bürgermeister hatte das erlaubt.
Irgendwie anders und seine Freunde freuten sich auf diese neue wunderschöne Zeit.
Irgendwie anders ging in die Stadt und fragte in der Gärtnerei ob er denn beim Gießen mitarbeiten kann. Er will auch jeden Morgen pünktlich sein. Der Chefgärtner gab ihm eine kleine Gießkanne und zeigte ihm das große Wasserfass. Irgendwie anders kam aber gar nicht bis an den Rand heran, denn er hatte ja viel kürzere Beine als alle anderen.
Im Geschäft der Stadt fragte er ob er dort arbeiten darf. Er wollte auch jeden Morgen pünktlich sein. Der Geschäftschef zeigte ihm die Regale die er einräumen sollte, doch er konnte alles nur ganz nach unten packen, da er doch so kurze Beine hatte. Das fanden die anderen in der Stadt nicht so gut, denn nun mussten sie sich immer ganz tief bücken um an die Waren zu kommen.
Irgendwie anders war tief verzweifelt, den er wollte wirklich gern ein Teil der Gemeinschaft sein. Er ging zum Bürgermeister und bat um eine Leiter für die Arbeit in der Gärtnerei. Doch die bekam er nicht, denn die ist viel zu teuer.
Er bat um einen Helfer für die hohen Regale im Geschäft. Die unteren wollte er ganz ordentlich und ganz allein einräumen. Aber auch den Helfer bekam er nicht. Der ist auch viel zu teuer, sagt der Bürgermeister und zeigte ihm dass er in seiner Kasse überhaupt keine einzige Münze hatte.
Als Irgendwie anders in das schöne große Haus ging, in dem die Menschen der Stadt zusammen wohnten, schauten alle ganz neugierig aus ihren Fenstern. Ganz aufgeregt ging er die Stufen hinauf zu seiner neuen Wohnung. Die war nur ganz klein, aber das war gar nicht schlimm, denn er war ja wirklich auch viel kleiner als alle anderen. Er freute sich das er nun Nachbarn hatte, bei denen er sich auch mal Zucker borgen konnte, wenn er vergessen hatte welchen einzukaufen. Und das er mal ein Schwätzchen halten konnte auf der Treppe. Nun durfte er seine Wohnung so anmalen wie er wollte und konnte auch mal seine Sachen rum-liegen lassen. In dem Haus auf dem Berg war das ganz schön schwierig, weil dann jemand drüber fallen könnte, der nicht so gute Augen hatte, wie Irgendwie anders.
Doch nach ein paar Wochen in der neuen Wohnung in dem schönen Haus in der Stadt, wurde Irgendwie anders ganz traurig. Mit ihm wollte keiner ein Schwätzchen halten, es borgte ihm auch niemand Zucker und niemand wollte sich anschauen, wie toll er seine Sachen rumliegen lassen konnte. Alle machten die Tür schnell zu wenn er kam und drehten sich weg. Er wurde ganz traurig.
Eines Tages besuchte er seine Freunde auf dem Berg. Er trank sein geliebtes Zuckerwasser mit drei Pfefferkörnern drinn. Und als er sein komisches Grunzlachen anstimmte, kamen alle und lachten mit ihm. Keiner machte seine Tür zu.
Da fühlte sich Irgendwie anders plötzlich wieder Zuhause. Und er erkannte dass es nicht so wichtig war da zu sein wo alle sind, sondern da zu sein, wo man sich willkommen, dazugehörig fühlt.

Mit dieser Geschichte will ich verdeutlichen:
Inklusion heißt aus vollstationärer Sicht, Räume für (selbstverständliche) Begegnungen für Autisten in den Zusammenhängen zu schaffen, die sie gut tolerieren können und an und in denen sie Spaß haben.
Es bleibt dabei: die Einrichtung ist die Möglichkeit des Ruckzuges, des Schutzes, der Erholung, der Selbstfindung.
Die Forderungen der letzten Jahre nach Selbstbestimmung, nach Normalität, nach Lebensqualität und nun nach Inklusion haben innerhalb der Behindertenhilfe für erhebliche Umdenkungsprozesse gesorgt. Sie bewegen unsere Menschenbilder, dass Behinderung, insbesondere geistige Behinderung, nicht mehr länger als Defizit gesehen wird.
Die damit verbundenen Veränderungen berühren nicht nur das Wie der Professionalität von Fachkräften, sondern legen wegweisend den Finger auf bisherige Organisationsformen und Strukturen der stationären Betreuung.
Möglicherweise ist mein Beitrag an einigen Stellen polemisierend, aber eigentlich will ich polarisieren, damit die Standpunkte sich nicht ausgrenzen, sondern auch wieder einander annähern können.
Im bundesdeutschen Durchschnitt erhalten 80 % aller volljährigen Empfänger von Eingliede-rungshilfen im Bereich Wohnen dies in einer stationären Wohnform. Alternative Wohnformen werden zwar zunehmend konzipiert und eingerichtet, aber im Gesamtangebot vergleichsweise selten. Und sie sollen immer preiswerter sein als die stationären Maßnahmen im Vergleich.

Vor dem Hintergrund der Dominanz der stationären Leistungen, lässt sich ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen den sozialpolitischen und fachlichen Zielperspektiven ausmachen.
Es gibt Beispiele, aber ist ein Wohnhaus mit vielen Wohneinheiten wirklich die einzige inklusive Lösung? Und noch viel entscheidender ist die Erkenntnis: eine kostenlose Version wird es nicht geben.

Entwicklung bedeutet immer auch finanziellen Aufwand. Kein Auto würde mehr neu konzipiert werden, wenn die Entwickler keine finanziellen Grundlagen hätten, kein Medikament mehr entwickelt, wenn Forscher sich mit den natürlichen Ressourcen von Wald und Wiese begnügen müssten. Und so sollte auch die Finanzierung von neuen und alternativen Betreuungsformen nicht an formalen UND finanziellen Belangen scheitern. Doch dies ist gelebte Realität. Versuchen Sie mal eine Fachleistungsstunde zuzüglich des pauschalen Heimentgeltes zu bekommen, für eine Betreuungstätigkeit wie zum Beispiel: einen Tanzkurs, nehmen wir an für eine autistisch behinderte junge Frau. Inklusion? Teilhabe? Individualität? Dies ist sozusagen alles im „All- inclusiv-Heimentgelt“ enthalten.
Selbstkritisch möchte ich aber auch betonen, dass sich Einrichtungen von pauschalisierten Hilfeangeboten verabschieden müssen. Der politische Wille zur Entwicklung von personzentrierten Leistungen wird die Heimlandschaft massiv umgestalten, aber wie, ohne die Lebens- und Betreuungsqualität nicht einzuschränken und tatsächlich preisgünstiger zu werden. Lassen Sie uns kreativ werden und schauen was unsere Bewohnerinnen und Be-wohner tatsächlich brauchen und wo wir sie ganz aktiv in Entscheidungsprozesse mit einbinden können. Soziale Leistungen müssen sich stärker an den Adressaten und seiner Lebenswelt ausrichten, um ihren gesellschaftlichen Inklusionsauftrag erfüllen zu können.
Auch auf die Gefahr hin eine negative Erfahrung zu machen, denn das ist Lernen, das ist Erfahrungen sammeln, das kann auch mal schief gehen. Und wenn es dann mal schief geht, darf es nicht sein, dass Kostenträger oder aber auch Angehörige uns auf die Finger klopfen und vorhalten, dass hätten wir doch wissen müssen. Die Arbeit im Netzwerk ist unabdingbar, Entwicklungen müssen gemeinsam geplant, durchgeführt und evaluiert werden
Nicht immer sind die Bremsen im System die professionellen Unterstützer, oftmals haben auch Angehörige übergroße Angst, ihre Kinder mit Unterstützungsbedarf einfach mal „machen zu lassen“. Es ist für jede Mutter und jeden Vater eine eingreifende und emotional b-lastende Erfahrung zu erkennen, hierbei und dabei braucht mich mein Kind nicht mehr, sondern es trifft eigene Entscheidungen und diese sind nicht immer mit meinen übereinstimmend.
Es gilt: Entwicklung kann nur stattfinden, wenn man sie stattfinden lässt, besser noch gemeinsam gestaltet hat. Jeder Fahrradfahrer wird irgendwann mal seine Stützräder abmachen, der eine früher, der andere später und wieder ein anderer eben viel später. Wichtig ist sie abmachen zu dürfen. Denn auch das ist Inklusion. Die Stützräder abmachen zu dürfen wie alle anderen auch, auch auf die Gefahr hin eine Schramme zu bekommen.
Doch wir müssen auch bedenken, dass es immer Menschen geben wird, die ihre Stützräder abmachen wollen und dann hinfallen. Und die dies nicht ein zweites Mal versuchen wollen und können, weil die Ressourcen nicht entwickelbar sind. Genau für diese Menschen ist der stationäre Rahmen eine nicht weg zudenkende Sicherheit. Denn nur hier erleben sie die Struktur und Rahmenbedingungen die sie brauchen.

Inklusion heißt aus vollstationärer Sicht, es muss auch weiterhin Spezialeinrichtungen geben, denn für bestimmte Personen (z.B. Autisten) gibt es spezifische Fördermaßnahmen (TEACCH; FC), für die besonders qualifizierte Mitarbeiter benötigt werden, die außerdem eine hohe Autismuskompetenz mitbringen.

Ansprüche an diese Einrichtungen sind:
  • Ordnungen sichtbar machen
  • Kleine Gruppen
  • Ausreichendes Platzangebot
  • Visualisieren/ Strukturieren/ Regeln aufstellen
  • Geregelter Tagesablauf
  • Mitarbeiter mit Verständnis und Empathie
  • Mitarbeiter als Sozialhelfer/ Krisenmanager
  • Respekt im Umgang/ Ernst nehmen
Ein weiterer Aspekt ist die soziale Struktur von Gemeinschaftseinrichtungen, gegen den au-tistischen Trend des sozialen Rückzugs ist hier eine Kommunikationsebene angeboten. Nicht zu vergessen die Sicherheit vermittelnde Betreuungspräsenz im Rahmen eines Bereit-schaftsdienstes, Autismus als Form der Informationsverarbeitung fordert sehr oft eine sys-temimmanente Unterstützung im Verstehen der Umgebung und kann nicht bis zum terminier-ten Besuch des Betreuers verschoben werden.
Inklusion ist eine wunderbare Zukunftsaussicht, doch es wird noch ein weiter Weg werden diese Realität werden zu lassen. Und Inklusion muss auch zugelassen werden. Von allen. Doch Inklusion bedeutet auch die Gemeinschaft als solche zu respektieren. Und eine Ge-meinschaft von Menschen mit Behinderungen ist genauso als solche zu akzeptieren als was sie ist – eine Gemeinschaft. Denn nicht jeder Mensch mit einer Behinderung hat ein ausge-prägtes Interesse daran, mit Menschen zusammen zu leben, die offensichtlich leichter durchs Leben kommen als er selber. Und so lange so unvorstellbare Hürden für das „normale“ Leben noch existieren, ist es für manchen beruhigend zu wissen, es gibt noch mehr wie mich. Denn die die so spielend einfach durch das Leben tanzen, haben leider meist so gar kein Interesse an Menschen die so manches Mal ins Stolpern kommen.

Lassen Sie uns noch einmal kurz in unsere Geschichte abschweifen:
Irgendwie anders freute sich wieder in seinem Waldschlösschen leben zu dürfen. Hier durfte er krümeln, komisch lachen und konnte sich in seiner ganz eigenen Sprache unterhalten. Und wenn er wollte konnte er ganz für sich in seinem lila angestrichenen Zimmer bleiben und auf seiner Pappcouch sitzen. Aber er wusste ganz sicher, dass er nicht alleine war. Denn hinter der nächsten Tür ist jemand da, wenn er ihn brauchte. Und der ihm bei seiner Arbeit im Supermarkt bei den oberen Regalen half.

Literatur:
Cave, K.; Riddel, C.: Irgendwie Anders; Hamburg 1994
Wansing, G.: Teilhabe an der Gesellschaft, Wiesbaden 2005
Wocken, H. : Zur Philosophie der Inklusion, Teilhabe 2/2011


Katja Dallmann
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