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Montag,
16. April 2018

Wenn aus Schulschwänzern und Abbrechern Lehrlinge werden

Montag, 16. April 2018
Nachfolgend ein Artikel aus der "TLZ" vom 14.04.2018 für Sie zum Nachlesen:

Wenn aus Schulschwänzern und Abbrechern Lehrlinge werden

Internationales Bildungs- und Sozialwerk in Leinefelde darf Pilotprojekt „Respekt“ bis Ende 2018 fortführen

Ilka Block leitet beim Internationalen Bildungs- und Sozialwerk das Projekt „Respekt“, das jungen Leuten in schwierigen Situationen Hilfestellungen gibt.
Pilotprojekt - Respekt beim Internationalen Bildun
Foto: Sigrid Aschoff

Leinefelde. „Ich habe Drogen genommen.“ „In die Schule bin ich nicht immer gegangen, habe schwänzt.“ „Zu Hause gibt es immer Stress, wenn ich rausgeworfen werde, habe ich kein Dach mehr überm Kopf.“ „Ich habe eine Ausbildung begonnen aber abgebrochen.“ Diese Sätze von jungen Leuten hört Ilka Block, Mitarbeiterin des Internationalen Bildungs- und Sozialwerks in Leinefelde, oft. Und auch die Frage: Was soll werden? Doch nur wer selbst begriffen hat, dass er Hilfe benötigt, dem kann auch geholfen werden. Ilka Block leitet das Projekt „Respekt“, ein Pilotprojekt des Bundesministeriums. 45 junge Frauen und Männer im Alter zwischen 15 und 26 Jahren haben seit Februar 2016 das Angebot und die damit verbundenen Hilfestellungen genutzt. Und zwar freiwillig. „Man kann aus schwierigen Lebenssituationen herauskommen, den Weg zurück in Bildungsprozesse finden, eine Ausbildung machen und eine Arbeit finden“, sagt Block. Dabei helfen sie und ihre Mitstreiter. Doch zuerst einmal geht es darum, Vertrauen aufzubauen, dann um das Finden von Lösungswegen.

Da ist zum Beispiel die junge Frau mit Handicap, die ihren Hauptschulabschluss in der Förderschule gemacht hat. Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll, welche berufliche Richtung sie einschlagen kann. „Wir haben Verschiedenes versucht“, sagt Block. Da die junge Frau Tiere liebt, ging es zuerst in diese Richtung, doch während des Praktikums stellte sich heraus, dass sie Allergien hat. Auch Verkäuferin kam in Betracht. Doch der Supermarkt war für die Jugendliche nichts. „Da sind zu viele Menschen, das macht mir Angst“, lautete ihr Fazit. Und als Friseurin, so stellte eine potenzielle Chefin fest, war sie viel zu schüchtern. Das Jahr, in dem sich Ilka Block um die junge Frau kümmerte, war nicht einfach. Schließlich fand sich ein Unternehmen, das Maschinen- und Anlagenführer beschäftigt. „Nächste Woche kann sie zum Probearbeiten kommen und vielleicht ergibt sich da ja sogar eine Ausbildung“, meint Ilka Block und freut sich über den Erfolg – zumal der nicht der einzige ist. Schritt für Schritt Fortschritte macht auch ein junger Mann mit Hauptschulabschluss, der von den Drogen weggekommen ist und sein Leben in den Griff bekommen will. Bei ihm geht es unter anderem darum, den alten Freundeskreis hinter sich zu lassen und zu sehen, was nach dem Praktikum in einer Metallbaufirma wird. „Das sind alles Einzelschicksale, manche der jungen Leute verabschieden sich nach vier Wochen, weil sie sich das alles ganz anders vorgestellt haben, andere gehen ihren Weg, stehen dann auf eigenen Beinen und werden nach einem Jahr noch von uns betreut“, sagt Ilka Block. Gern in Anspruch nimmt auch eine 20-Jährige mit vielen Ängsten die Unterstützung. Mit ihr wurde das Zugfahren trainiert, Betriebe besucht, in denen sie sich ausprobieren konnte. Ab März macht sie eine Umschulung zur Fachlageristin, ebenso wie eine 22-Jährige mit zwei kleinen Kindern.

Ein Großteil der Jugendlichen, die im Rahmen des Projektes „Respekt“ betreut wurden, haben es in ein Ausbildungsverhältnis geschafft. „Bei einigen brauchte es auch zwei oder drei Anläufe, bis das richtige Berufsfeld gefunden war. Man muss einfach hartnäckig sein und den Jugendlichen zeigen, dass es nicht schlimm ist, wenn man mal hinfällt. Aufstehen und weitermachen ist wichtig“, meint Ilka Block, der es neben der praktischen Hilfe auch um die Vermittlung von Normen und Werten geht. Und es geht um noch etwas: Vertrauen. Da kann es schon mal Wochen dauern, bis sich junge Leute öffnen und Block und ihre Mitstreiter die wahren Gründe für ein bestimmtes Verhalten erfahren.

Um den Weg in die Zukunft zu ebnen, wird Jugendlichen, die keinen Schulabschluss haben, beispielsweise auch ein Stützunterricht angeboten, damit sie den Leistungsstand erreichen, um einen externen Schulabschluss zu machen. 2017 waren es vier junge Leute, die einen Abschluss nachholten und dann eine Lehre begannen.

Eine positive Bilanz des Projektes zieht Dorothea Marx, die Leiterin des Internationalen Bildungs- und Sozialwerks in Leinefelde. Sie weiß, wie wichtig Beständigkeit, Stabilität und die Zusammenarbeit auch mit Unternehmen der Region sind. Daher war sie froh, als es endlich nach Monaten des Wartens und Bangens hieß, dass die Arbeit bis Dezember dieses Jahres fortgesetzt werden kann. Doch die große Frage ist, was danach aus dem Pilotprojekt wird. „Wenn es das nicht mehr gibt, werden einige Jugendliche auf der Strecke bleiben, weil sie keinen haben, der sich sonst um sie kümmert“, sagt Ilka Block. Gestern ist sie nach Berlin gefahren, wo es zu einem Treffen ging, bei dem die Ergebnisse vorgestellt werden sollten und sich die Leinefelder mit den 17 weiteren Projektbeteiligten austauschen konnten. „Wir wünschen uns, dass wir auch künftig Träger des Projektes bleiben dürfen“, sagt Dorothea Marx. Und diese Hoffnung hat sie besonders mit Blick auf die jungen Leute, die sonst augenscheinlich keine Perspektive haben.

Was: Tag der offenen Tür
Wann: Mittwoch, 18. April, 13 bis 16 Uhr
Wo: Internationales Bildungs- und Sozialwerk, Gewerbepark Süd 7, in Leinefelde
Es stellen sich vor: Autismusambulanz, Kosmetikfachschule, Berufsförderzentrum, Integrationsfachdienst
Projekt „Respekt“ Kontakt: Tel. (03605) 519956

Sigrid Aschoff / 14.04.18
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